Rezension: Jennifer Niven – All die verdammt perfekten Tage

Jennifer Niven – All die verdammt perfekten Tage

Roman, erschienen 2015 im Limes Verlag.
Broschur, 400 Seiten.

Als ich das Buch mit seinem unverwechselbaren Cover und dem spannenden Titel im Bücherregal entdeckte, konnte ich nicht umhin, es zu kaufen. Auf dem nachtblauen Hintergrund des Covers ist ein weiß-blauer Mond zu sehen, zu dem eine männliche Figur auf einer Leiter emporsteigt. Ein Mädchen sitzt bereits am Rande des Mondes. Das Cover erweckt für mich den Eindruck einer kleinen Unendlichkeit, einer Weite und Ferne, eines großen Universums, das es zu entdecken gilt und welches die zwei abgebildeten Personen bereits erkunden. Der Titel „All die verdammt perfekten Tage“ ist in blau und rot geschrieben. Die beiden Farben zeigen für mich bereits den Kontrast zwischen Freude und Leid, Impulsivität und Stillstand, der im Buch eine große Rolle spielen wird.

Wenn man auf den Buchrücken schaut, ist die erste Frage, die dem Leser ins Auge sticht: „Ist heute ein guter Tag zum Sterben?“ und hier wird der Leser zugleich auf das sensible Thema des Romans hingewiesen: psychische Erkrankung und Selbstmord.

Der Roman ist abwechselnd aus zwei Perspektiven geschrieben. Der Leser lernt sowohl Finch kennen, der an einer bipolaren Störung leidet, als auch Violet, für die die Welt nach dem tödlichen Unfall ihrer Schwester stillsteht.Beide begegnen sich das erste Mal auf einem Glockenturm. Ein Turm, den Finch gerne besteigt, um sich vorzustellen, wie es wäre, zu sterben. Ein Turm, den Violet zum ersten Mal besteigt, mit der Überlegung ihrem Leben ein Ende zu setzen. Als sie jedoch dort oben steht, bekommt sie es mit der Angst zu tun und fühlt sich plötzlich wie gelähmt. Da taucht Finch auf, der ihr in diesem Moment das Leben rettet.

Gemeinsam besuchen die beiden in der Schule das Fach Amerikanische Landeskunde, in dem der Lehrer die Schüler dazu auffordert, Indiana näher kennenzulernen und zu entdecken, welche schönen Dinge auch in den vermeintlich langweiligsten Orten zu finden sind.

Finch wünscht ich Violet als Partnerin. Zunächst ist sie skeptisch und lustlos. Doch Finch schafft es mit seiner aktiven und ansteckend fröhlichen Art, Violet für die kleinen Augenblicke des Lebens zu begeistern und sie Schritt für Schritt wieder ins Leben zu holen. Doch Finch selbst bewegt sich am Abgrund und droht sich selbst zu entgleiten. Das Buch schildert eindrucksvoll seinen Übergang von der manischen in die depressive Phase und den unaufhaltsam dunklen Sog, den Finch mit einem schwarzen Loch vergleicht und dem er sich nur schwer entziehen kann.

Beide Charaktere werden mit einer ausgesprochenen Liebe zum Detail gezeichnet. Jede Eigenheit, jeden Charakterzug, jede Gefühlsregung fängt die Autorin ein. Sie dokumentiert deren Lebensweg, als wäre sie eine stille Beobachterin,die die Figuren mit ihrem dynamischen Eigenleben beobachtet und die Autorin erweckt nicht eine Sekunde den Eindruck, als seien diese Protagonisten nur Romanhelden. Violet und Finch sind echt, authentisch, lebensnah.Sie stehen einem nahe.

Besonders Finch, der dem Leser mit wundervoll zerbrechlichen Zitaten jedes Mal aufs neue wieder überrascht und in seinen Bann zieht, ist einzigartig.

„Was wäre, wenn das Leben so sein könnte? Nur die schönen Teile, nichts von den Schrecken, nicht einmal die geringste, irritierende Kleinigkeit. Was, wenn wir das Schlechte ausschneiden und nur das Gute behalten könnten? Das ist es, was ich mit Violet machen will: Ich will ihr das Gute geben und das Schlechte von ihr fernhalten, damit wir nur von Schönheit umgeben sind“ (Finch, All die verdammt perfekten Tage, S.179)

Die ersten hundert Seiten schildern die Vorgeschichte und das vorsichtige Kennenlernen der beiden Protagonisten. Leider gab es für mich hier und da einige Längen, die mir nicht gefielen. Aber in dem Moment, in dem sich die beiden Protagonisten auf ihren kleinen Road-Trip begeben, verändert sich die Geschichte und zieht einen – wie Finch seine Krankheit – immer weiter in seinen Bann. Eine erstaunliche Parallele, die die mehr als gelungene Konstruktion des Romans hervorhebt und unterstreicht.

Die Geschichte von Finch und Violet ist turbulent, macht glücklich, überrascht, bringt einen zum Lachen, rührt aber auch zu Tränen und ist unwahrscheinlich zerbrechlich. Mit dem Ausgang der Geschichte habe ich so nicht gerechnet, finde ihn aber gerechtfertigt. Und ich finde den Umgang der Autorin mit den dortigen Geschehnissen äußerst sensibel und einfühlsam. Denn trotz aller Tragik schafft sie es, dem Leser ein besonderes Lebensgefühl mit auf den Weg zu geben: Den Augenblick genießen, das ist es, worauf es ankommt. Die Schönheit der kleinen Dinge erkennen und damit die Schönheit der ganzen Welt und des Lebens entdecken.

Am Ende des Buches erfährt man in den Anmerkungen der Autorin, dass sie selbst einmal so etwas ähnliches erlebt hat wie Violet. Das lies mich das Buch noch einmal in einem ganz anderen Licht betrachten.

Jennifer Niven schafft es, die Themen psychische Erkrankungen und Selbstmord sensibel und eindrucksvoll darzustellen. Sie zeichnet einen Kosmos, in dem Menschen nicht in Schulbladen gesteckt werden, sondern als das wahrgenommen werden, was sie sind: Als Menschen. Mit Stärken und Schwächen. Mit Eigenheiten und Besonderheiten. Mit allen Facetten, die zum Leben dazugehören können.

Dieser Roman sollte von jedem gelesen werden, weil er die Sicht auf so viele Dinge im Leben verändern kann. Ich danke Jennifer Niven für einen Teil ihrer eigenen Geschichte und für die unverwechselbare Geschichte zwischen Finch und Violet. Ich werde die beiden in ihrer gelungenen Komposition niemals vergessen.

Das Buch bekommt von mir 5/5 Sternen!

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