Rezension: Jan Büchsenschuß – Oleander. Vom Lesen und Töten

Jan Büchsenschuß – Oleander. Vom Lesen und Töten

Kriminalroman.
Erschienen im Schardt Verlag.
194 Seiten.

Dank meines Berufs bei der Zeitung lerne ich ständig neue Dinge, neue Menschen und neue Themenfelder kennen, die ich vielleicht vorher nicht auf dem Radar gehabt hätte. Wer mir bei Instagram folgt, der weiß, dass ich eigentlich hauptsächlich Bücher lese, die sich den Genres Young Adult, Fantasy oder Liebesroman zuordnen lassen. Mit Krimis habe ich bisher wenig bis kaum Erfahrung gesammelt. Umso gespannter war ich, als ich zur Lesung von Jan Büchsenschuß ging, der mit seinem Roman „Oleander“ eine vielversprechende Geschichte im Gepäck hatte. Bereits dort fesselte mich das Buch, so dass ich mich umso mehr freute, als ich das Büchlein im Briefkasten fand.

Der Autor erzählt die Geschichte der Familie Oleander. Die Familie folgt einem eigenen Codex – der Lex Oleandrin – für den sie Alles tun würde. Sie verstehen sich als eine eingeschworene Gemeinschaft, als Menschen mit dem Auftrag, Literatur und Intellekt zu pflegen und keinen Platz für banale Unterhaltungsmedien und Verdummung zu lassen. All die Akteure, die als Mitglieder der Familie Oleander auftreten – seien sie gebürtige Oleander oder angeheiratet – weisen ein herausragendes Interesse entweder für Literatur, Philosophie oder Architektur auf. Und noch eine Eigenschaft hegen sie alle: Sie sind sehr ehrgeizig. Wenn sie ein Rätsel bekommen, so wollen sie es um jeden Preis lösen.

Und so soll es auch mit dem Testament von Simon Oleander sein. Der Verstorbene hinterlässt ein beachtliches Erbe, das die Oleanders nur bekommen, wenn sie den Code des Safes herausfinden. Wenn sie es nicht über das Wochenende schaffen sollten, so gehe das Erbe an die Stadtbibliothek. Die Familienmitglieder befinden sich zum Zeitpunkt des Verlesens des Testaments in der Villa des Verstorbenen. Dieser hegte ebenfalls eine außerordentliche Leidenschaft für Literatur und baute sich über die Jahre einen gewaltigen Schatz an Büchern auf, so dass man diesen schon als eine eigene Bibliothek bezeichnen darf. Für die Oleanders ist klar – des Rätsels Lösung liegt in den Büchern. So teilen sie sich auf und machen sich auf die Suche nach Hinweisen, die sich in den Geschichten finden lassen könnten. Sie durchleben nocheinmal Geschichten von Jules Verne oder H.G. Wells, setzen sich mit der Philosophie von Aristoteles auseinander und durchforsten etliche Klassiker. In genauster Detektivarbeit durchforsten sie die Bücher, konstruieren mögliche Hinweise zu einem Gesamten und scheinen der Antwort immer näher zu kommen.Auch entdecken sie die Geheimnisse des Hauses. Geheime Kammern, Aufzüge, den Dachboden… Und mit dem Entdecken dieser Dinge beginnt ein blutiger Todesreigen. Nach und nach versterben Mitglieder der Familie auf unerklärliche Weise. War es einer aus dem eigenen Familienkreis? Oder vielleicht doch der Notar? Oder das Personal des Verstorbenen? Oder aber eine ganz fremde Person oder gar Selbstmord? den Oleanders wird bald klar – das Codewort des Safes ist nicht das einzige Rätsel, das sie lösen müssen.

Zu Beginn des Romans konfrontiert Büchsenschuß den Leser unmittelbar mit all den Familienmitgliedern, die in dem Buch eine Rolle spielen. Für einen Moment fällt es schwer, sich alle Namen und Zuordnungen zu merken, doch im Verlauf der Geschichte gelingt es dem Autor, die Zugehörigkeiten klar erkennbar zu machen. Immer wieder baut er Passagen ein, in denen er die Figuren genauer vorgestellt und charakterisiert, was es für den Leser interessanter macht, da er so erkennt, dass jeder Oleander oder angeheiratete Oleander – trotz der Lex Oleandrin – ein Individuum ist.

Mit beinahe jeder Zeile, die der Autor über Literatur verfasst, lässt sich auch seine persönliche Liebe zur Literatur erkennen. Und so lässt er auch im Epilog verlauten: „Dieser Roman ist, man ahnt es bereits, eine Hommage an das Bücher-Lesen und Bücher-Lieben“ (S.192). Und diese Hommage gelingt ihm außerordentlich. Er gibt dem Leser Literaturtipps, Lesarten und neue Denkansätze an die Hand und bringt die Kunst der Bücher besonders mit einem Satz auf den Punkt, den ein Familienmitglied über den Verstorbenen sagt.
„Nein, Dörte, Simon konnte sehr wohl Realität und Fiktion auseinanderhalten. Aber er hat sich seinen Schlüssel zur Tür der Phantasie, den ein normaler Mensch im Laufe seiner Jugend irgenwann verliert, bis an sein Lebensende bewahrt. Und wenn er wollte. nahm er sich ein Buch, öffnete diese Tür und verschwand.“ (S.85)

Ich denke an dieser Stelle bringt der Autor auf den Punkt, was er sich vermutlich für sich selbst, seine Leser und Allgemein die Menschheit wünscht: das Bewahren der Phantasie und das Schätzen der Literatur, die eine Tür zum Reich der Phantasie sein kann.

Man selbst ertappt sich als Leser dabei, wie man ständig mit den Oleanders mitdenkt, mitfiebert und miträtselt. In dem Moment, in dem der Todesreigen beginnt, eröffnet sich für den Leser ein erneutes Spannungsfeld, welches viele Rätsel aufgibt, die bis kurz vor Schluss ungelöst bleiben. Es gelingt dem Autor durch seine Konstruktion der Geschehnisse, den Leser bis zum Ende im Dunkeln tappen zu passen. Erst nach und nach lösen sich die Rätsel und die Antworten, die sich dahinter verbergen, hätte zumindest ich persönlich nicht so erwarten. Aus diesem Grund ist das Buch für mich ein wirklich sehr gelungener Kriminalroman und ich kann ihn mit gutem Gewissen jedem Krimileser und auch jedem Neueinsteiger – so wie ich – empfehlen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s