Rezension: T.R. Richmond – Wer war Alice

Rezension zu T.R. Richmonds „Wer war Alice?“

Roman. Erschienen im Goldmann Verlag.445 Seiten.

Klappentext:
Wer war Alice Salmon? Studentin. Journalistin. Tochter. Sie liebte es, lange auszugehen. Sie hasste Deadlines. Sie war diejenige, die letztes Jahr im Fluss ertrank. Aber das ist nicht die ganze Geschichte.

Zugegeben, Thriller, Krimis, Psychothriller..all das ist nicht wirklich mein Genre. Eigentlich macht es mir eher Angst und ich mache meist einen großen Bogen um diese Bücher. Doch diesmal war es anders. Das Cover und auch der Klappentext zogen mich magisch in ihren Bann. Ich schlich mehrmals in der Buchhandlung um dieses Buch herum, bis ich es mir schließlich kaufen musste. Denn ich musste wissen, wer Alice war und was mit ihr passiert ist.

Das Cover für sich ist schon ein kleines Kunstwerk. Zu sehen ist ein Gesicht einer jungen Frau, Wassertropfen auf ihrer Haut, das Gesicht umhüllt von schwarzem Haar. Schläft sie? Ist sie tot? Ist es Alice Leiche, die im Fluss schwimmt? Der Titel in weiß, eine leicht krisselige Schrift. Die Schrift erinnert an einen krisselnden Fernsehbildschirm und deutet für mich zugleich auf den Medienbezug des Buches hin.

Die Gestaltung des Romans ist besonders. Hier wird nicht durchgehend aus einer Sicht in chronologischer Reihenfolge geschildert was passiert. Nein, hier wühlt der Leser sich durch eine Fülle an Materialien. Wir finden Tagebucheinträge, Blogeinträge, Twitterbeiträge, Polizeiverhöre, Briefe, Chats, Songtitel, Zeitungsartikel.. und das nicht zeitlich geordnet, sondern in Zeitsprüngen. Mal befinden wir uns zu einer Zeit lange vor Alice Tod, dann plötzlich wieder nach ihrem Tod. Der Leser ist gefordert, dem Buch beim Lesen seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken, um all die Puzzlestücke, die ihm präsentiert werden, zu einem Ganzen zusammenzufügen. Und wir haben nicht nur einen Protagonisten. Hier kommen viele Menschen zu Wort… Alice Freund/Ex Freund, Alice beste Freundin, Alice Mutter, Alice ehemaliger Professor, Augenzeugen, Polizisten, Journalisten und nicht zuletzt Alice selbst.

In Tagebucheinträgen erfahren wir Vieles aus Alice Leben. Sie lässt uns an ihren Gedanken, Ängsten und Sehnsüchten teilhaben. Und auch an ihrer psychischen Erkrankung. Wir begegnen ihrem ehemaligen Professor Jeremy Cooke, den ein Geheimnis mit Alice Mutter verbindet. Und der akribisch versucht, Alice Leben und ihren Fall zu rekonstruieren. Er sammelt beinahe wie besessen Alles, was er über den Todesfall finden kann und versucht das Rätsel zu lösen. Dem Leser wird schon bald bewusst werden, dass er eigentlich Professor Jeremy Cookes Werk selbst in den Händen hält und mit ihm die Arbeit erlebt, die der Professor sich gemacht hat. Doch welche Absicht steckt dahinter? Es gibt Menschen, die streuen Gerüchte. Schlimme Gerüchte über seine Verbindung zu Alice. Und das im Internet. Öffentlich. Wo jeder es lesen kann. Wo es nicht mehr verschwindet.

Menschen werden im Internet präsentiert, konstruiert.. bis der Leser nicht mehr weiß, wer die Person wirklich ist. Liest man die Abschnitte über die bestimmten Personen rein objektiv, oder wurde man in seiner Meinung durch vorangegangene Blogeinträge, Twitterbeiträge und Co. beeinflusst und liest nun subjektiv? Der Leser ist gefordert, sich selbst und sein Mediennutzungsverhalten zu hinterfragen. Schnell merkt man, dass man den Überblick über Wahrheit und Lüge verliert. In einem Moment geht man von einem Selbstmord von Alice aus, da sie viele Probleme mit sich trug, die einen solchen Ausweg nahelegen könnten. In einem anderen Moment könnte es aber auch der Professor gewesen sein. Oder war es vielleicht ihre beste Freundin Megan? Die Freundin, die auf ihrem Blog all ihren Frust und Kummer von der Seele schreibt. Die Fakten ans Tageslicht bringt, die eigentlich hätten verschwiegen werden müssen – „Nach mir die Sintflut, Alice“ – schreibt sie immer wieder. Und was hat Luke mit all dem zu tun? Nachdem er sie betrogen und Alice das herausgefunden hatte, gab es eine zweimonatige Funkstille. Wiedergesehen haben sie sich erst an dem Abend von Alice Tod. War es eine Tat aus Liebe, aus Rache, aus Verzweiflung? Bis zum Schluss weiß der Leser es nicht. Und hier liegt für mich der größte Kunstgriff des Autors.

Er lässt den Leser im Dunkeln tappen, schickt ihn auf Irrwege, präsentiert ihm zig Deutungsmöglichkeiten und macht dabei eins: Er verwirrt so sehr, dass das Offensichtliche in der Flut der Informationen einfach nicht gesehen wird. Wer das Ende kennt, der weiß, dass es eigentlich so klar ist. So simpel. Vielleicht auch schon immer so offensichtlich gewesen. Im Nachhinein reflektiert, lassen sich viele Hinweise bereits im Buch entdecken, doch man hat sie schnell überlesen, so beiläufig erschienen sie.

Meiner Meinung nach ist es dem Autor gelungen, ein Meisterwerk der Konstruktion zu erschaffen. Er baut Medienkritik ein. Regt den Leser zur Reflektion des eigenen Mediennutzungsverhaltens an und zeigt deutlich, wie schnell Lüge und Wahrheit ineinander verschwimmen und die Grenzen verloren gehen. Was kann man in einer Welt noch glauben, in der jeder zu jedem Zeitpunkt öffentlich seine Meinung, sein Bild von anderen und gar von sich selbst konstruieren kann? Er mahnt zur Vorsicht. Und das ist gut, sehr gut sogar.

Das Buch ist nichts für schwache Gemüter – zumindest nicht für meins – denn mich hat es lange bis in die Nacht beschäftigt. Für mich war es ein außergewöhnliches Leseerlebnis und deshalb möchte ich es allen empfehlen, die auch gerne mal etwas Anderes und Besonderes lesen möchten.

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