Rezension: Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Rezension zu Benedict Wells Roman „Vom Ende der Einsamkeit“.

Wow. Kennt ihr das, wenn euch die Worte fehlen, um zu beschreiben, was euch bewegt, was ihr fühlt, was ihr spürt? So geht es mir bei diesem Buch. Eigentlich bin ich schier sprachlos. Ich hatte viel erwartet, schließlich wurde das Buch bisher nur in den höchsten Tönen gelobt, aber ich hatte nicht erwartet, was ich letztendlich vorgefunden habe.

„Eine schwere Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird“. Dieses eine Zitat, das auf dem Buchrücken begleitend zum Klappentext steht, reichte aus, um mich zum Kauf zu bewegen. Ich wollte diese Geschichte lesen, die von drei Geschwistern erzählt, die in ihrer Kindheit einen schweren Schicksalsschlag erleiden.

Lebensklug, philosophisch und vor allem lebensbejahend reflektiert Wells die großen Gefühle der Menschheit. Den Umgang mit dem Tod, Einsamkeit, Liebe und Sehnsucht, Hoffnung und Ausweglosigkeit. So große Themen für nur 354 Seiten. Kommt da nicht etwas zu kurz? Das kann nur mit einem klaren Nein beantwortet werden.

Jules, Marty und Liz wachsen behütet auf. Doch in ihren jungen Jahren verlieren sie ihre Eltern bei einem Autounfall. Sie kommen gemeinsam auf ein Internat, doch schon bald gehen sie getrennte Wege. Jede der drei Figuren entwickelt sich in eine völlig andere Richtung, versucht, das Erlebte zu kompensieren. Der eine verschwindet in seiner Computerwelt, die andere verliert sich in Männergeschichten, wilden Feiereien und einer Momentehascherei und der dritte – Jules – er scheint schlicht und einfach sich selbst zu verlieren.

In seiner Kindheit mutig und furchtlos, zieht er sich immer mehr zurück in seinen „Wald“, wie er es nennt, und scheint keinen Weg mehr heraus zu finden. Der Leser wird die drei Geschwister – und vor allem Jules – auf ihrem Weg von der Kindheit über das Erwachsenwerden bis ins höhere Alter begleiten. Er scheint zeitweilens mit Jules in seinem Wald zu stehen, sich zu verirren, Lichtblicke zu sehen, Auswege zu suchen und vermeintliche Auswege zu finden. Der Leser wird am eigenen Leib spüren, was auch Jules spürt – und das ist Benedict Wells Verdienst. Der Schreibstil ist so eindringlich, brilliert durch klare Worte und ganz viel Gefühl. Wells schafft es, immer wieder Gänsehautmomente zu erzeugen. Während man Zeile für Zeile liest, stolpert man plötzlich über einen kleinen Satz, der so unschuldig an seinem Platz im Text steht und auf den ersten Blick fast untergehen könnte, der aber eine solche Sprachgewalt aufweist, dass man so manches Mal das Buch kurz beiseite legen muss, um dem Gelesenen nachzuspüren und es zu reflektieren.

Auf dem Internat lernt Jules die geheimnisvolle Alva kennen. Ein Mädchen, das ebenfalls eine schwierige Vergangenheit zu haben scheint und genau wie Jules versucht in eine Traumwelt zu flüchten. Ihren Weg findet sie dabei durch die Literatur. Zunächst scheint zwischen beiden ein stilles Abkommen zu bestehen. Sie verbringen Zeit zusammen, oftmals schweigend, und spüren eine enge Verbundenheit – bis sie sich irgendwann aus den Augen verlieren. Zu spät merken beide, was sie füreinander wirklich gefühlt haben. Aber das Schicksal gewährt ihnen eine zweite Chance, als sie sich im Erwachsenenalter wiedertreffen. Es beginnt eine Liebesgeschichte, so voller Sehnsucht, so voller Gefühl, wie man sie selten in der Literatur findet. Man hofft, man bangt und dann sucht die Vergangenheit und das Schicksal die beiden Heim und es zerreißt einem schier das Herz.

Doch wer nun glaubt, dass man am Ende des Buches am Boden zerstört sein würde, der täuscht sich. Wells schafft es, den Leser aus dem dunklen Wald hinaus auf eine helle Lichtung zu geleiten, dass man mit einem seltsam mutmachenden Gefühl aus der Lektüre hinausgeht. Es ist nun schon einige Tage her, dass ich das Buch beendet habe und noch immer beschäftigt es mich sehr. Ich trage Wells Worte in meinem Herzen, die so weise sind, so lebensklug und so wahr, dass ich sie wohl nie vergessen werde.

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3 Kommentare zu „Rezension: Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen. Eine grandiose Rezension und ich konnte gerade nochmal in mich gehen und das Büchlein reflektieren. Danke dafür Zaubermaus :)💖
    PS. Ich bin immer noch der Meinung du solltest aus deinem Talent MIT WORTEN UMZUGEHEN etwas Großes schaffen 🙂

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